{"id":416,"date":"2017-10-11T19:29:40","date_gmt":"2017-10-11T17:29:40","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/wordpress\/?p=416"},"modified":"2017-10-11T19:29:40","modified_gmt":"2017-10-11T17:29:40","slug":"78-artikel-sommer-1974","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orbi.or.at\/index.php\/2017\/10\/11\/78-artikel-sommer-1974\/","title":{"rendered":"78. Artikel Sommer 1974"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eDie mikrobiologische Bodenuntersuchung nach Dr. med. H.P. Rusch \u2013 Was bedeuten die ermittelten Werte \u00fcber \u201eMenge\u201c und \u201eG\u00fcte\u201c f\u00fcr die Praxis des organisch-biologischen Landbaues?\u201c<\/strong><\/p>\n<p>Der biologische Landbau ganz allgemein steht und f\u00e4llt mit der nat\u00fcrlichen, spontanen Fruchtbarkeit der Kulturb\u00f6den. Diese nat\u00fcrliche Fruchtbarkeit ist nicht identisch mit der Menge des Bodenvorrates an sogenannten Kern-N\u00e4hrstoffen, d. h. den direkt oder indirekt verf\u00fcgbaren Ionenschw\u00e4rmen und Stickstoffverbindungen, wie sie die chemische Bodenanalyse ermittelt. Sie ist funktionaler Art und nicht mit einer stofflichen Analyse zu erfassen.<\/p>\n<p>Die chemische Analyse l\u00e4sst bestenfalls eine Aussage zu \u00fcber die vermutliche Ernte, also bestenfalls eine quantitative Voraussage &#8211; und auch das keineswegs immer: Ein direkter Zusammenhang von chemisch-analytisch ermittelten Bodenwerten mit dem Ertrag wird seit geraumer Zeit mit Recht bestritten: Sie ist also nicht einmal immer ein quantitatives Ma\u00df f\u00fcr die Fruchtbarkeit des Bodens, geschweige denn ein Ma\u00df f\u00fcr die biologische Bodenqualit\u00e4t. Nat\u00fcrliche Bodenfruchtbarkeit ist sehr viel mehr als der mess- und w\u00e4gbare Ertrag.<\/p>\n<p>Fruchtbarkeit ist die h\u00f6chste Leistung, deren ein Lebewesen f\u00e4hig ist; sie ist zugleich der sichtbare Ausdruck der Gesundheit: Wo die Gesundheit schwindet, aus welchen Gr\u00fcnden auch immer es sein mag, da schwindet auch die F\u00e4higkeit, vollkommenes Leben zu geb\u00e4ren. In der Natur ist kein Ding um seiner selbst willen, es ist nur um das Ganzen willen. Ein Organismus ist nicht schon deshalb fruchtbar, weil er Nachkommen hat; er ist es erst dann, wenn auch seine Nachkommen fruchtbar sind bis ins letzte Glied, von dem wir wissen k\u00f6nnen. Fruchtbarkeit ist nicht um des Individuums willen, sondern f\u00fcr die Erhaltung der Art notwendig.<\/p>\n<p>Aber das nicht allein: Die Fruchtbarkeit der Muttererde setzt sich fort in den Organismen, die von ihr leben, den Pflanzenwesen, deren Dasein nicht mehr an die Verhaftung mit dem Boden gebunden ist, den Tieren und Menschen. Von allen diesen ans Licht gestiegenen Gestaltungen des Lebens kehrt schlie\u00dflich die Fruchtbarkeit zur\u00fcck dorthin, von wo sie kam, zur \u201eMutter Erde\u201c. So ist die Bodenfruchtbarkeit kein Ding an sich, sondern Teil eines Ganzen, dem sie dient wie alles, was lebt. Dieses Ganze, die Gemeinschaft alles Lebendigen muss nicht nur philosophisch, sondern erst recht naturwissenschaftlich als biologische Funktionseinheit gesehen werden, wenn man den Versuch unternimmt, die Bodenfruchtbarkeit zu messen, um dem Menschen zu dienen.<\/p>\n<p>Im Licht dieser umfassenden Betrachtung des Begriffes \u201eFruchtbarkeit\u201c mutet der Versuch, sie mithilfe einer Mineralstoffanalyse zu messen und sie an rein quantitativen Ertr\u00e4gen zu best\u00e4tigen, von vornherein als untauglicher Versuch am untauglichen Objekt, also als h\u00f6chst unwissenschaftlich an. Auf jeden Fall bedarf es, um die Bodenfruchtbarkeit zu messen, biologisch-funktionaler Tests, nicht chemischer Analysen.<\/p>\n<p>Der einzige, exakt-wissenschaftliche Test w\u00e4re freilich die Pr\u00fcfung einer vollst\u00e4ndigen Lebensgemeinschaft Boden-Pflanzen-Tier-Mensch \u00fcber viele Jahrzehnte hinweg. Aber die Menschheit hat wohl kaum noch die Zeit, die Resultate solcher Versuche abzuwarten. Sie steht vor Gegenwartsproblemen, die auf den N\u00e4geln brennen und gemeistert werden m\u00fcssen, wenn die rapid zunehmende Entartung der hochzivilisierten Menschheit \u00fcberwunden werden soll \u2013 das ist unser Problem heute, nicht in ferner Zukunft. Es bedarf also funktionaler Tests einfacher Art, unmittelbar brauchbar f\u00fcr die landbauliche Praxis. Solche Tests m\u00fcssen ein kurzzeitig verf\u00fcgbare Aussage \u00fcber die funktionelle Leistungsf\u00e4higkeit eines Bodens sowohl bez\u00fcglich der Quantit\u00e4t wie der biologischen Qualit\u00e4t gestatten. Sie m\u00fcssen damit eine Aussage gestatten sowohl \u00fcber die erwartbare Ernte und den rentabilit\u00e4ts-begr\u00fcndenden Ertrag wie \u00fcber die vermutliche physiologische Wirksamkeit der Erzeugnisse an Nahrungs- und Futterpflanzen bei Tier und Mensch \u2013 und damit w\u00e4re zugleich eine Aussage m\u00f6glich \u00fcber die sogenannte Pflanzengesundheit, ihre Abwehrleistungen und ihr spontanes Gedeihen. Zugleich aber muss eine Methode erarbeitet werden, deren Unkosten so gering sind wie irgend m\u00f6glich, denn ein aufwendig-teurer Test w\u00e4re f\u00fcr den Landbau indiskutabel.<\/p>\n<p>Unter diesen Voraussetzungen gibt es \u00fcberhaupt nur eine einzige M\u00f6glichkeit: Einen mikrobiologischen Test, ein Test anhand der einzelligen Lebewesen, die auf mannigfache Weise mit dem Dasein der Vielzeller Pflanze, Tier und Mensch verkn\u00fcpft sind. Diese Mikroorganismen verm\u00f6gen als einzige innerhalb weniger Tage das widerzuspiegeln, was im Leben der vielzelligen Organismen vor sich geht, und zwar sowohl quantitativ wie qualitativ. Die Fortschritte der Mikrobiologie geben uns schon seit geraumer Zeit die M\u00f6glichkeit dazu.<\/p>\n<p>Der Test hat zwei voneinander unabh\u00e4ngige Teile, einen quantitativen und einen qualitativen. Ersterer gibt eine Aussage \u00fcber die Intensit\u00e4t des Bodenlebens, also \u00fcber die erwartbare Bodenleistung (\u201eMenge\u201c), letzterer eine Aussage \u00fcber die biologische G\u00fcte des Bodenlebens in Bezug auf Pflanze, Tier und Mensch, denen der gepr\u00fcfte Boden \u2013 direkt oder indirekt \u2013 die Nahrung liefert (\u201eG\u00fcte\u201c).<br \/>\n<strong><span style=\"text-decoration: underline;\">Bestimmung der &#8222;Menge-Zahlen&#8220;<\/span><\/strong><\/p>\n<p>Die funktionale Bodenleistungsf\u00e4higkeit dr\u00fcckt sich darin aus, wie viele Zellen eine bestimmte Bodenprobenmenge unter g\u00fcnstigen Wachstumsbedingungen hervorzubringen imstande ist. Die Bodenprobe wird einem bestimmten Verfahren unterzogen durch das es m\u00f6glich ist die Zahl der Zellen dieser Probe zu liefern. Diese Bestimmung der Menge des Bodenlebens ist ein direktes Ma\u00df f\u00fcr die Fruchtbarkeit, jedoch kein Urteil \u00fcber den zu erwartenden Ertrag. Der \u201eMengen-Test\u201c soll und kann nur angeben, ob von seiten des Bodens die Voraussetzungen f\u00fcr einen unbeeinflussten, spontanen Wuchs der Kulturpflanzen ohne jeden Treibd\u00fcnger gegeben sind.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: underline;\"><strong>Bestimmung der biologischen &#8222;G\u00fcte&#8220;<\/strong><\/span><\/p>\n<p>Es gibt eine Unmenge von bakteriellen und eine noch viel gr\u00f6\u00dfere Menge von pilzlichen Mikroorganismen die am Boden leben teilnehmen und in riesiger Zahl in jeder Bodenprobe vorkommen.<\/p>\n<p>Es kommt darauf an die Natur der Bodenlebewesen zu erkennen, um ein echtes Urteil \u00fcber die biologische Qualit\u00e4t abgeben zu k\u00f6nnen. Die Bakterienfloren bei Mensch, Tier und Pflanze sind direkt abh\u00e4ngig von der Bakterienflora des Bodens. So ist Milchzucker besonders charakteristisch f\u00fcr die Bakterien, die bei Pflanzen, Tieren und Menschen leben. Wenn nun in einem Boden Milchs\u00e4urebildner zu leben verm\u00f6gen, so hat dieser Boden f\u00fcr Mensch und Tier eine hohe biologische Qualit\u00e4t. Durch die Darstellung der Milchs\u00e4ureflora einer Bodenprobe in einem bestimmten Verfahren wird das vermittelt. Das Urteil \u00fcber die Qualit\u00e4t der Milchs\u00e4ureflora ergibt ein indirektes Ma\u00df f\u00fcr die biologische G\u00fcte von B\u00f6den, auf denen Nahrungs- und Futterpflanzen wachsen sollen.<\/p>\n<p>Mit Hilfe dieses Testes hat Rusch Ma\u00dfnahmen in der Methode entscheidend beeinflusst. Er hat die Probleme der Haufenkompostierung darestellt und damit der so segensreichen Fl\u00e4chenkompostierung die Tore ge\u00f6ffnet. Es wurde weiteres erkannt, dass die Humusbildung im Boden in Schichten vor sich geht, die funktionell streng voneinander getrennt sind. Bringt man sie durch tiefgehende Bodenarbeit durcheinander, so wird nicht nur die Humusbildung sondern auch die Ausbildung des Feinwurzelsystems der Kulturpflanzen sehr stark gest\u00f6rt. Das tiefgehende Pfl\u00fcgen wurde f\u00fcr den organisch-biologischen Landbau untragbar.<\/p>\n<p>Der Test war in den ersten Jahrzehnten der jungen Methode vor gro\u00dfer Wichtigkeit, er vermittelte Sicherheit und Kontrolle, er half mit, dass der organisch-biologische Landbau ein klares Ma\u00dfnahmenkleid erhalten konnte.<\/p>\n<p>Dieser hier besprochene Boden-Test wird nicht mehr durchgef\u00fchrt infolge technischer und menschlicher Schwierigkeiten mit einer ganz kleinen Ausnahme. Der Biolandbau ist, wo \u00fcberhaupt nach Bodentests gefragt wird, in die stofflichen Analysen zur\u00fcckgefallen. Ruschs Forderung in der ersten H\u00e4lfte dieser Darstellung ist klar und unumst\u00f6\u00dflich. Ob sie geh\u00f6rt wird?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie mikrobiologische Bodenuntersuchung nach Dr. med. H.P. Rusch \u2013 Was bedeuten die ermittelten Werte \u00fcber \u201eMenge\u201c und \u201eG\u00fcte\u201c f\u00fcr die Praxis des organisch-biologischen Landbaues?\u201c Der biologische Landbau ganz allgemein steht und f\u00e4llt mit der nat\u00fcrlichen, spontanen Fruchtbarkeit der Kulturb\u00f6den. Diese nat\u00fcrliche Fruchtbarkeit ist nicht identisch mit der Menge des Bodenvorrates an sogenannten Kern-N\u00e4hrstoffen, d. h. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.orbi.or.at\/index.php\/2017\/10\/11\/78-artikel-sommer-1974\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">78. 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