{"id":976,"date":"2019-02-10T16:07:29","date_gmt":"2019-02-10T15:07:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.orbi.or.at\/?p=976"},"modified":"2019-02-10T16:07:41","modified_gmt":"2019-02-10T15:07:41","slug":"117-artikel-sommer-1987-biologischer-landbau-gartenbau-theorie-und-praxis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.orbi.or.at\/index.php\/2019\/02\/10\/117-artikel-sommer-1987-biologischer-landbau-gartenbau-theorie-und-praxis\/","title":{"rendered":"117. Artikel Sommer 1987 \u2013 \u201eBiologischer Landbau-Gartenbau \u2013 Theorie und Praxis\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Eine Zeit, die den wissenschaftlichen Spezialisten hervorgebracht hat, hat uns das Denken abgew\u00f6hnt. Der Spezialist denkt f\u00fcr uns. Das geht, solange man es nicht mit Lebendigem zu tun hat. Land- und Gartenbau aber ist Umgang mit Lebendigem, und wenn die Lebensgesetze nicht Grundlage des Denkens und Handelns sind, so ist es nicht biologischer Landbau.<\/p>\n<p>Die Lebensgesetze haben sich bisher nicht ann\u00e4hernd so vollkommen erforschen lassen wie die der unbelebten Materie. Nicht wir k\u00f6nnen die materiellen Voraussetzungen f\u00fcr \u201eLeben\u201c schaffen, wie wir etwa ein Haus oder eine Br\u00fccke vorausberechnen k\u00f6nnen. Wir sind darauf angewiesen, das Lebendige f\u00fcr uns arbeiten zu lassen und ihm schlecht und recht dabei zu helfen, soweit wir es verstehen. Dabei n\u00fctzt es nichts, wenn wir einzelne Teile der Lebensvorg\u00e4nge genauer kennen \u2013 entscheidend ist immer nur das Ganze, das biologische Resultat. Und das ist aufs h\u00f6chste kompliziert.<\/p>\n<p>Es gibt auf der Erde sicher nicht zwei G\u00e4rten, die einander biologisch vollkommen gleich w\u00e4ren. Sid sind all nicht nur selbst verschieden \u2013 ihr Boden, ihr Untergrund, ihre Wasserf\u00fchrung, ihre klimatische Lage usw., sie sind auch jeweils in eine andere Umgebung hineingestellt, von der sie abh\u00e4ngig sind \u2013 D\u00fcnger, Herkunft der D\u00fcnger, Menschen und Tiere, die davon leben usw. Wer sich zum Beispiel aufmerksam eine Gartenkolonie ansieht, in der auf relativ gleichem Boden mit gleichen Methoden gearbeitet wird, wird bemerken, dass es keine Parzellen gibt, die einander gleich sind \u2013 weil die Menschen verschieden sind, die sie bearbeiten.<\/p>\n<p>Dazu kommt au\u00dferdem, dass wir die letzten Geheimnisse der nat\u00fcrlichen Nahrungsbereitung im Boden nicht kennen. Sie sind so ungeheuer kompliziert, dass wir auf ihren Ablauf wenig Einfluss nehmen k\u00f6nnen. An der Ern\u00e4hrung der Pflanze sind allein soviel verschiedenartige Lebewesen t\u00e4tig \u2013 man darf ihre Zahl auf mehr als 100 000 sch\u00e4tzen -, dass \u00fcberhaupt nicht die Rede davon sein kann, wir w\u00fcssten davon mehr als wenige Einzelheiten.<\/p>\n<p>Das alles ist gesagt, um klar zu machen, es k\u00f6nne Rezepte und Vorschriften f\u00fcr den biologischen Landbau kaum geben. <u>Nur der vermag biologischen Landbau zu betreiben, der biologisch denken kann<\/u>. Das aber lehrt die Theorie, deshalb ist sie notwendig. Wer die Grundgedanken des biologischen Landbaues denken kann, vermag sich selbst zu helfen. Und das muss man k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Agrikulturchemie hat gelehrt, dass die Pflanzen ausschlie\u00dflich der mineralischen Ern\u00e4hrung bed\u00fcrfen. Sie hat ferner den k\u00fcnstlichen Stickstoff als Ersatz f\u00fcr den vom lebendigen Boden gelieferten, nat\u00fcrlichen Stickstoff in die D\u00fcngung eingef\u00fchrt. <u>Sie hat damit Masse auf Kosten der G\u00fcte geschaffen<\/u>. Es w\u00e4chst dann zwar mehr Pflanzenmasse, aber die Pflanzen sind nicht vollwertig, sind anf\u00e4llig, sch\u00fctzbed\u00fcrftig, ohne Treib- und Salzd\u00fcnger nicht mehr wuchsf\u00e4hig und deshalb keine vollwertige Nahrung. Man braucht kein Spezialist zu sein, um zu begreifen, dass der Agrikulturchemiker den Landbau in eine Sackgasse f\u00fchrt, aus der es f\u00fcr den Bauern kein Zur\u00fcck mehr gibt: Die unter der Treib- und Salzd\u00fcngung herausgez\u00fcchteten Kulturpflanzen-Sorten brauchen diese Ern\u00e4hrung; da sie dabei krank werden, brauchen sie den k\u00fcnstlichen Schutz gegen \u201eSch\u00e4dlinge\u201c; und da das Saatgut alsbald \u201eabbaut\u201c, muss st\u00e4ndig neues beschafft werden. Die Dreierherrschaft \u201eKunstd\u00fcnger \u2013 Sch\u00e4dlingsgift \u2013 Saatgutverkauf\u201c hat sich zu einer versteckten Diktatur entwickelt, aus der es nur ein Entrinnen gibt: Die kompromisslose R\u00fcckkehr zum biologischen Landbau. Was hei\u00dft das? Kunstd\u00fcnger sind an sich ja keine Gifte, sondern enthalten das, was die Pflanze tats\u00e4chlich braucht. Der Unterschied ist nur der: Werden der Stickstoff und die Mineralstoffe in einer Form geliefert, die geeignet ist, den Boden als nat\u00fcrlichen Nahrungslieferanten auszuschalten, so ist die Dosierung auf jeden Fall falsch. Und da wir ohnehin von den 60 oder mehr Mineralstoffen, die die Pflanze n\u00f6tig hat, nur einige wenige als Minerald\u00fcngung geben, ist die Ern\u00e4hrung der Pflanze au\u00dferdem einseitig und unvollst\u00e4ndig. Nur die Lebensvorg\u00e4nge des Mutterbodens verm\u00f6gen eine Nahrung herzustellen, die f\u00fcr die Pflanze vollkommen ist. Und nur dann bleibt sie gesund und erbgesund. Wird nach den f\u00fcr den biologischen Landbau dargestellten Grunds\u00e4tzen gehandelt, so wachsen auf jedem Boden gesunde Pflanzen und hochwertige Nahrung. Der Aufwand wird nicht gr\u00f6\u00dfer sondern kleiner, die Ernte nicht kleiner sondern gr\u00f6\u00dfer. Es gibt kein Heilmittel, das so wirksam w\u00e4re wie die nat\u00fcrliche Nahrung. Arzt und Tierarzt werden zu dem, was sie eigentlich sein sollen: Hausarzt, der die Gesundheit \u00fcberwacht.<\/p>\n<p>Es gibt keinen Kompromiss irgendwelcher Art! Den biologischen Landbau muss man ganz tun oder seine Finger lieber davon lassen. Alle Pflanzennahrung muss aus dem Leben des Mutterbodens kommen, und da der Mutterboden nur eine Station im Kreislauf der lebendigen Substanz ist, kann auch er nur richtig ern\u00e4hrt werden, wenn man das Schicksal der lebenden Materie als Ganzes in sein Denken einbezieht. Nicht ein einziger D\u00fcnger kann ohne Nachdenken gegeben werden und nicht eine einzige Bodenarbeit darf ohne R\u00fccksicht auf das Leben des Bodens stattfinden. Die Ehrfurcht vor dem Leben ist nirgends notwendiger als im Landbau, denn hier w\u00e4chst unser gesundheitliches Schicksal. Die theoretischen Grundregeln, die man sich einpr\u00e4gen muss, sind in aller K\u00fcrze die folgenden:<\/p>\n<p>Jede Teild\u00fcngung beseitigt das biologische Gleichgewicht zwischen Boden und Pflanze, vermindert die Humusbildung und die Wurzelmasse, macht Scheinwachstum und Scheingesundheit und gef\u00e4hrdet die Bildung zahlreicher N\u00e4hr- und Wirkstoffe, die sowohl f\u00fcr die Gesundheit des Bodens wie die der Pflanze und der damit ern\u00e4hrten Menschen und Tiere unentbehrlich sind.<\/p>\n<ul>\n<li>K\u00fcnstliche Stickstoffe in jeder Form und Menge sind f\u00fcr den biologischen Landbau nicht tragbar. Der erforderliche Stickstoff muss aus den Lebensprozessen des organisch ern\u00e4hrten Bodens hervorgehen, der im Stande ist, genug und \u00fcbergenug Stickstoff aus der Atmosph\u00e4re zu binden. Der Vorgang setzt ein, sobald der Boden warm genug ist. Eine zu fr\u00fche Stickstoffgabe auf noch kalte Fr\u00fchjahrsb\u00f6den bringt keinen Vorsprung.<\/li>\n<li>Von den Mineralien sind die wichtigsten die Spurenelemente. Sie sind in j\u00fcngeren Eruptivgesteinen \u2013 Basalt, Trachyt \u2013 am vollst\u00e4ndigsten versammelt. Grunds\u00e4tzlich werden nur nat\u00fcrliche Urgesteinsmehle verwendet; von ihnen l\u00f6st das Bodenleben genau das, was es selbst braucht, und das ist zugleich die einzig richtige Dosierung f\u00fcr die Pflanze.<\/li>\n<li>Von den Massenmineralien ist zu sagen: Die Abfallmassen bringen alle die zum Leben n\u00f6tigen Mineralien in ausreichender Menge mit. Es kommt nur darauf an, f\u00fcr Reichhaltigkeit des Materials zu sorgen. Bei Mangel an Material pflegte Dr. Hans M\u00fcller zu sagen: \u201eHier fehlt es an Nachschub!\u201c<\/li>\n<\/ul>\n<p>Auch organische D\u00fcnger sind einseitig: Jauche bringt viel Kali und Harnsalz, rein tierischer D\u00fcnger zu wenig Kohlehydratnahrung f\u00fcr die Bodenmikrobien; reine Stallmistd\u00fcngung hemmt die Pilzarbeit. Gr\u00fcnd\u00fcngung zB. Lupinen, Klee hat den Vorteil des Gegengewichtes gegen die tierischen D\u00fcnger, aber den Nachteil, dass sie selbst aus dem zu d\u00fcngenden Boden kommt. Grunds\u00e4tzlich sind alle organischen D\u00fcnger wertvoll und verwendbar, aber nur in einer dem Boden und anderen \u00f6rtlichen Bedingungen angepassten Vielfalt.<\/p>\n<ul>\n<li>Als Ersatz f\u00fcr Phosphor ist Rohphosphat zul\u00e4ssig, wenn Kalkgestein \u2013 mit Zur\u00fcckhaltung anwenden. Die beste Kalkd\u00fcngung geschieht mit kalkhaltigen B\u00f6den selbst \u2013 Kalkmergel \u2013 D\u00fcngekalk mit Zur\u00fcckhaltung nur dort verwenden, wo er n\u00f6tig ist und nur im Winter gestreut.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Sofern der Kali-Ersatz organisch (Jauche) nicht m\u00f6glich ist, kann Patentkali verwendet werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr alle einseitgen mineral-haltigen Zusatzd\u00fcnger, die viel Kalk, Kali oder Phosphor enthalten, gilt gleicherma\u00dfen, dass sie dem Boden umso besser bekommen, je verteilter sie gegeben werden. \u201eNicht einmal viel, sondern \u00f6fter wenig\u201c<\/p>\n<ul>\n<li>Wichtiger als der Mineralersatz sind Bodenzus\u00e4tze, die direkt aus dem Bereich des Lebendigen stammen und sehr wesentliche Wirkungen haben, dazu geh\u00f6ren die Heilkr\u00e4uter. Indem man zusammen mit Heilkr\u00e4utersubstanzen und Spurenelementtr\u00e4gern physiologische Bodenbakterien einimpft, wird man die M\u00f6glichkeit schaffen, unsere G\u00e4rten von der Qualit\u00e4t der D\u00fcnger unabh\u00e4ngiger zu machen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Zeit, die den wissenschaftlichen Spezialisten hervorgebracht hat, hat uns das Denken abgew\u00f6hnt. Der Spezialist denkt f\u00fcr uns. Das geht, solange man es nicht mit Lebendigem zu tun hat. Land- und Gartenbau aber ist Umgang mit Lebendigem, und wenn die Lebensgesetze nicht Grundlage des Denkens und Handelns sind, so ist es nicht biologischer Landbau. Die &hellip; <a href=\"https:\/\/www.orbi.or.at\/index.php\/2019\/02\/10\/117-artikel-sommer-1987-biologischer-landbau-gartenbau-theorie-und-praxis\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">117. 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