117. Artikel Sommer 1987 – „Biologischer Landbau-Gartenbau – Theorie und Praxis“

Eine Zeit, die den wissenschaftlichen Spezialisten hervorgebracht hat, hat uns das Denken abgewöhnt. Der Spezialist denkt für uns. Das geht, solange man es nicht mit Lebendigem zu tun hat. Land- und Gartenbau aber ist Umgang mit Lebendigem, und wenn die Lebensgesetze nicht Grundlage des Denkens und Handelns sind, so ist es nicht biologischer Landbau.

Die Lebensgesetze haben sich bisher nicht annähernd so vollkommen erforschen lassen wie die der unbelebten Materie. Nicht wir können die materiellen Voraussetzungen für „Leben“ schaffen, wie wir etwa ein Haus oder eine Brücke vorausberechnen können. Wir sind darauf angewiesen, das Lebendige für uns arbeiten zu lassen und ihm schlecht und recht dabei zu helfen, soweit wir es verstehen. Dabei nützt es nichts, wenn wir einzelne Teile der Lebensvorgänge genauer kennen – entscheidend ist immer nur das Ganze, das biologische Resultat. Und das ist aufs höchste kompliziert.

Es gibt auf der Erde sicher nicht zwei Gärten, die einander biologisch vollkommen gleich wären. Sid sind all nicht nur selbst verschieden – ihr Boden, ihr Untergrund, ihre Wasserführung, ihre klimatische Lage usw., sie sind auch jeweils in eine andere Umgebung hineingestellt, von der sie abhängig sind – Dünger, Herkunft der Dünger, Menschen und Tiere, die davon leben usw. Wer sich zum Beispiel aufmerksam eine Gartenkolonie ansieht, in der auf relativ gleichem Boden mit gleichen Methoden gearbeitet wird, wird bemerken, dass es keine Parzellen gibt, die einander gleich sind – weil die Menschen verschieden sind, die sie bearbeiten.

Dazu kommt außerdem, dass wir die letzten Geheimnisse der natürlichen Nahrungsbereitung im Boden nicht kennen. Sie sind so ungeheuer kompliziert, dass wir auf ihren Ablauf wenig Einfluss nehmen können. An der Ernährung der Pflanze sind allein soviel verschiedenartige Lebewesen tätig – man darf ihre Zahl auf mehr als 100 000 schätzen -, dass überhaupt nicht die Rede davon sein kann, wir wüssten davon mehr als wenige Einzelheiten.

Das alles ist gesagt, um klar zu machen, es könne Rezepte und Vorschriften für den biologischen Landbau kaum geben. Nur der vermag biologischen Landbau zu betreiben, der biologisch denken kann. Das aber lehrt die Theorie, deshalb ist sie notwendig. Wer die Grundgedanken des biologischen Landbaues denken kann, vermag sich selbst zu helfen. Und das muss man können.

Die Agrikulturchemie hat gelehrt, dass die Pflanzen ausschließlich der mineralischen Ernährung bedürfen. Sie hat ferner den künstlichen Stickstoff als Ersatz für den vom lebendigen Boden gelieferten, natürlichen Stickstoff in die Düngung eingeführt. Sie hat damit Masse auf Kosten der Güte geschaffen. Es wächst dann zwar mehr Pflanzenmasse, aber die Pflanzen sind nicht vollwertig, sind anfällig, schützbedürftig, ohne Treib- und Salzdünger nicht mehr wuchsfähig und deshalb keine vollwertige Nahrung. Man braucht kein Spezialist zu sein, um zu begreifen, dass der Agrikulturchemiker den Landbau in eine Sackgasse führt, aus der es für den Bauern kein Zurück mehr gibt: Die unter der Treib- und Salzdüngung herausgezüchteten Kulturpflanzen-Sorten brauchen diese Ernährung; da sie dabei krank werden, brauchen sie den künstlichen Schutz gegen „Schädlinge“; und da das Saatgut alsbald „abbaut“, muss ständig neues beschafft werden. Die Dreierherrschaft „Kunstdünger – Schädlingsgift – Saatgutverkauf“ hat sich zu einer versteckten Diktatur entwickelt, aus der es nur ein Entrinnen gibt: Die kompromisslose Rückkehr zum biologischen Landbau. Was heißt das? Kunstdünger sind an sich ja keine Gifte, sondern enthalten das, was die Pflanze tatsächlich braucht. Der Unterschied ist nur der: Werden der Stickstoff und die Mineralstoffe in einer Form geliefert, die geeignet ist, den Boden als natürlichen Nahrungslieferanten auszuschalten, so ist die Dosierung auf jeden Fall falsch. Und da wir ohnehin von den 60 oder mehr Mineralstoffen, die die Pflanze nötig hat, nur einige wenige als Mineraldüngung geben, ist die Ernährung der Pflanze außerdem einseitig und unvollständig. Nur die Lebensvorgänge des Mutterbodens vermögen eine Nahrung herzustellen, die für die Pflanze vollkommen ist. Und nur dann bleibt sie gesund und erbgesund. Wird nach den für den biologischen Landbau dargestellten Grundsätzen gehandelt, so wachsen auf jedem Boden gesunde Pflanzen und hochwertige Nahrung. Der Aufwand wird nicht größer sondern kleiner, die Ernte nicht kleiner sondern größer. Es gibt kein Heilmittel, das so wirksam wäre wie die natürliche Nahrung. Arzt und Tierarzt werden zu dem, was sie eigentlich sein sollen: Hausarzt, der die Gesundheit überwacht.

Es gibt keinen Kompromiss irgendwelcher Art! Den biologischen Landbau muss man ganz tun oder seine Finger lieber davon lassen. Alle Pflanzennahrung muss aus dem Leben des Mutterbodens kommen, und da der Mutterboden nur eine Station im Kreislauf der lebendigen Substanz ist, kann auch er nur richtig ernährt werden, wenn man das Schicksal der lebenden Materie als Ganzes in sein Denken einbezieht. Nicht ein einziger Dünger kann ohne Nachdenken gegeben werden und nicht eine einzige Bodenarbeit darf ohne Rücksicht auf das Leben des Bodens stattfinden. Die Ehrfurcht vor dem Leben ist nirgends notwendiger als im Landbau, denn hier wächst unser gesundheitliches Schicksal. Die theoretischen Grundregeln, die man sich einprägen muss, sind in aller Kürze die folgenden:

Jede Teildüngung beseitigt das biologische Gleichgewicht zwischen Boden und Pflanze, vermindert die Humusbildung und die Wurzelmasse, macht Scheinwachstum und Scheingesundheit und gefährdet die Bildung zahlreicher Nähr- und Wirkstoffe, die sowohl für die Gesundheit des Bodens wie die der Pflanze und der damit ernährten Menschen und Tiere unentbehrlich sind.

  • Künstliche Stickstoffe in jeder Form und Menge sind für den biologischen Landbau nicht tragbar. Der erforderliche Stickstoff muss aus den Lebensprozessen des organisch ernährten Bodens hervorgehen, der im Stande ist, genug und übergenug Stickstoff aus der Atmosphäre zu binden. Der Vorgang setzt ein, sobald der Boden warm genug ist. Eine zu frühe Stickstoffgabe auf noch kalte Frühjahrsböden bringt keinen Vorsprung.
  • Von den Mineralien sind die wichtigsten die Spurenelemente. Sie sind in jüngeren Eruptivgesteinen – Basalt, Trachyt – am vollständigsten versammelt. Grundsätzlich werden nur natürliche Urgesteinsmehle verwendet; von ihnen löst das Bodenleben genau das, was es selbst braucht, und das ist zugleich die einzig richtige Dosierung für die Pflanze.
  • Von den Massenmineralien ist zu sagen: Die Abfallmassen bringen alle die zum Leben nötigen Mineralien in ausreichender Menge mit. Es kommt nur darauf an, für Reichhaltigkeit des Materials zu sorgen. Bei Mangel an Material pflegte Dr. Hans Müller zu sagen: „Hier fehlt es an Nachschub!“

Auch organische Dünger sind einseitig: Jauche bringt viel Kali und Harnsalz, rein tierischer Dünger zu wenig Kohlehydratnahrung für die Bodenmikrobien; reine Stallmistdüngung hemmt die Pilzarbeit. Gründüngung zB. Lupinen, Klee hat den Vorteil des Gegengewichtes gegen die tierischen Dünger, aber den Nachteil, dass sie selbst aus dem zu düngenden Boden kommt. Grundsätzlich sind alle organischen Dünger wertvoll und verwendbar, aber nur in einer dem Boden und anderen örtlichen Bedingungen angepassten Vielfalt.

  • Als Ersatz für Phosphor ist Rohphosphat zulässig, wenn Kalkgestein – mit Zurückhaltung anwenden. Die beste Kalkdüngung geschieht mit kalkhaltigen Böden selbst – Kalkmergel – Düngekalk mit Zurückhaltung nur dort verwenden, wo er nötig ist und nur im Winter gestreut.

Sofern der Kali-Ersatz organisch (Jauche) nicht möglich ist, kann Patentkali verwendet werden.

Für alle einseitgen mineral-haltigen Zusatzdünger, die viel Kalk, Kali oder Phosphor enthalten, gilt gleichermaßen, dass sie dem Boden umso besser bekommen, je verteilter sie gegeben werden. „Nicht einmal viel, sondern öfter wenig“

  • Wichtiger als der Mineralersatz sind Bodenzusätze, die direkt aus dem Bereich des Lebendigen stammen und sehr wesentliche Wirkungen haben, dazu gehören die Heilkräuter. Indem man zusammen mit Heilkräutersubstanzen und Spurenelementträgern physiologische Bodenbakterien einimpft, wird man die Möglichkeit schaffen, unsere Gärten von der Qualität der Dünger unabhängiger zu machen.

 

 

 

 

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