62. Artikel Sommer 1970

Zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit – Großproduktion und hungernde Völker

Die neueste Geschichte der Menschheit ist dadurch gekennzeichnet, dass zwischen wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten einerseits und der nackten Wirklichkeit andererseits eine riesige Lücke klafft. Technisch ist die Möglichkeit gegeben, Wohlstand für jedermann zu bringen, und doch gibt es weltweit Slums, Elend und Massenarmut. Es ist dem Menschen offenbar nicht möglich die durch ihn gelösten schwierigsten technischen und wirtschaftlichen Probleme zum Wohle der Menschheit in die Tat umzusetzen und damit die primitivsten Forderungen der Humanität zu erfüllen. Welche offensichtliche Fehlentwicklung der neuesten Menschheitsgeschichte hat sich hier eingeschlichen?

Die schier unglaubliche Hochentwicklung von Wissenschaft und Technik nahm ihren Beginn im vorvorigen Jahrhundert, ist rücksichtslos weitergelaufen und hat sich selbständig gemacht. Ein Beispiel aus vielen: die Erfindung und der Siegeszug des Autos, mit der ganzen Folge von Problemen, Straßenbau, Naturvernichtung, Umstellung der ganzen Wirtschaft und des Privatlebens, die Beispiele lassen sich vermehren. Wie aber wirkte diese Entwicklung auf den Menschen selbst, auf sein Wesen, seine Seele, seinen Geist, seinen Charakter?

Mit dem Auto, dem Fernseher, den sogenannten Massenkommunikationsmitteln, mit dem Einspannen der Menschen in diesen ganzen Zivilisations-Bereich, dem Zwang zum Geldverdienen, dem unbewältigten Bildungsangebot wird der Mensch von sich selbst weggeführt. Er hat Zeit für alles Mögliche nur nicht für sich selbst, für seine Familie, für die Entspannung, für das Nachdenken und die Besinnung auf sich selbst. „Und wenn der Mensch die ganze Welt gewönne, was hülfe es ihm, wenn er seine Seele dabei verliert.“

Im Massenbetrieb der modernen Überzivilisation entsteht ein neuer Menschentyp, der wenig sympathisch ist: sein Denken ist egoistisch und materialistisch, sein Beruf ein „Job“, sein Ideal ist von dieser Welt und entspricht nicht mehr dem Ideal der Humanität, der Nächstenliebe, der Demut und Güte, der Ehrfurcht vor Alter und Tradition – nicht das Gute, sondern das Böse im Menschen macht ihn fähig sein Leben in der Zwangsjacke der Überzivilisation zu fristen. Die Zivilisation wächst und gedeiht, die Kultur des Menschen aber geht dabei zugrunde.

Es stellt sich die Frage, was ist uns gegeben diesen Zuständen entgegen zu wirken und dabei kommt man auf die Fehlentwicklung des Landbaues. Der Weg, der richtige Weg, hätte führen müssen vor der Chemie zur Biologie, von Einzelerkenntnissen zur Erkenntnis des Ganzen, zur Erkenntnis des großen Zusammenhangs allen Lebendigens. Justus v. Liebig ist diesen Weg gegangen, wurde aber in seiner reifen Entwicklung total missverstanden und missdeutet. Seine frühen Teilerkenntnisse, die Lehre von der mineralischen Pflanzenernährung wurden die Grundlage der Kunstdüngerwirtschaft, die in der Chemie steckenblieb und sich zäh eingenistet hat. Liebig musste ohnmächtig mitansehen wie seine frühen Erkenntnisse dazu benutzt wurden um die Natur zu vergewaltigen, eine Industrie ins Leben zu rufen, eine Lehre zu schaffen, die nichts anderes sein konnte als eine Irrlehre. Liebig hat diese ganze Fehlentwicklung vorausgesehen, sich entsetzliche Vorwürfe gemacht und ist in tiefer Verbitterung aus dem Leben gegangen.

Die Kunstdüngerwirtschaft und die mit ihr zwangsläufig verbundene Giftspritzerei ist längst zur Gewohnheit geworden, hier regiert das Denken in Quantitäten.

Wir haben der Lehre vom chemischen Stoffkreislauf und der sogenannten Minerallehre die Lehre vom Kreislauf der lebendigen Substanz und vom organischen Stoffwechsel gegenübergestellt und wir haben der Forderung nach Höchsterträgen die Forderung nach höchster biologischer Qualität entgegengesetzt. Das war und ist die Leitlinie.

Wir müssen nun mit dem alten und weise gewordenen Liebig die ganze riesige Fehlentwicklung zu überholen versuchen, mit dem lebendigen tatsächlichen greifbaren Beispiel dafür, dass es auch anders geht.

Die Zeichen der Zeit weisen dahin, dass die Menschheit einem Abgrund zustrebt, ihre Entartung des geistigen, seelischen und körperlichen Verfalls ist unübersehbar. Der Mensch muss umdenken und zwar jeder einzelne für sich und sich besinnen auf die einzig und ewig gültigen Gesetze der natürlichen Ordnungen, der menschlichen Kultur und des menschlichen Zusammenlebens. Die alten menschlichen Tugenden werden am Leben bleiben, oder wir werden mit ihnen untergehen: Die Treue, die Ehrfurcht vor dem Geist, der über uns waltet, die Beharrlichkeit im Streben nach dem Besseren und Edleren, das wache Gewissen der Verantwortlichkeit eines jeden von uns gegenüber der Menschheit. Der gegenwärtige Zustand ist einfach des Menschen nicht mehr würdig.

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