13. Artikel, Herbst 1956

„Stallmist oder Stallmistkompost (Wissenschaft und Praxis im biologischen Landbau“ 

Der biologische Landbau ist nicht denkbar ohne die richtige Behandlung der lebendigen
Dünger.

Es ist und bleibt eine unumstößliche Tatsache, dass der Unterschied zwischen Frischmist
und Mistkompost einen ganz entscheidenden Raum einnimmt im Denken des biologischen Bauern, dass sich hier wirklich entscheidet ob man die Methode ernst nimmt oder nicht.

Es gilt im biologischen Landbau als ausgemacht, dass dem kompostierten, mehr oder
weniger vollkommen verrottetem Mist unbedingt der Vorzug gebühre gegenüber dem sonst üblichen Verfahren, den Stallmist ungeachtet seines Zustandes auszubringen und
unterzupflügen. Man hat zweifelsfrei beobachtet, dass die Gewüchsigkeit und Gesundheit,
die Keimfreundlichkeit und Schädlingsfreiheit bedeutend gesteigert werden, wenn der Mist nicht stallfrisch aufs Feld kommt, sondern vorbehandelt wird.

Eigene zahlreiche Versuche haben ergeben, dass der Unterschied zwischen dem frischen
und dem vorbehandelten Stallmist ganz allein in dem Ablauf und der Entwicklung der
mikrobiologischen Umsetzungsvorgänge zu finden ist. Die Abbauphase ist im Frischmist
noch nicht vollzogen, während sie im Mistkompost bereits abgeschlossen ist. Auch die
Stickstoffversorgung durch den Mistkompost ist eine bessere, was im Ablauf der Vorgänge
zu suchen ist.

Der biologische Landbau will nicht Pflanzen „füttern“, einzig und allein um „Erträge“
einzuheimsen, sondern will Leben erzeugen, Lebensvorgänge in Gang halten und Nahrung
wachsen lassen nach den Gesetzen des Lebendigen. Das ist undenkbar ohne eine richtige
Führung der entscheidenden Lebensvorgänge in den organischen Düngern; erst wenn wir
erkennen, wie wichtig diese Lebensvorgänge für das natürliche Pflanzenwachstum sind,
werden wir wirklich biologischen Landbau betreiben können.

Bei Frischmistdüngung laufen die mikrobiologischen Vorgänge ungeordnet ab, eine solche
Erde ist unruhig, während die kompostversorgte ein einheitliches, ruhiges, mikrobiologisches Bild zeigt. In der Natur gehen die Abbauvorgänge an der Oberfläche von sich, die Aufbau- und Humusbildungsvorgänge in der tieferen Schicht der lebendigen Grume, also getrennt.
Die Pflanzenwurzel meidet streng alle Abbauschichten. Beim Einackern von frischen,
organischen Substanzen (Frischmistgründüngung) geraten Abbauvorgänge in tiefere
Schichten und erzeugen dort Unordnung, unter Luftabschluss entsteht Fäulnis und damit
Gift, das Pflanzenwachstum antwortet darauf zögerlich; daher ist diese Art von Düngung
falsch.

Reifkomposte können jederzeit eingearbeitet werden, da ihre abgeschlossene Reifung in der tieferen Schicht ihre Entsprechung findet. Nun hat aber die Haufenkompostierung bis zur völligen Vererdung in der Landwirtschaft ihre Schwierigkeiten: Arbeitsaufwand, Zeitaufwand, Masseverlust, möglicherweise Notwendigkeit von Frischmassezukauf.

Untersuchungen haben jedoch ergeben, dass halbreife, noch in der Abbauphase befindliche organische Dünger ausgebracht werden können, wenn man darauf verzichtet sie einzuackern, sie unterzuarbeiten. Der Abbau erfolgt bei Luftzutritt an der Oberfläche und stört die Pflanzenwurzel nicht; die Aufbauphase vereinigt sich mit der Krümelstruktur zu neuem Humus.

Bei keinem anderen Verfahren lässt sich eine so ideale Art der Humusbildung beobachten
und die Belebung des Bodens geht auf keine andere Weise so rasch von sich. Man kann
also sagen, dass mikrobiologisch nichts dagegen und alles dafür spricht, organische Dünger noch in der Halbreife als Bodenoberschicht, also als Bodenbedeckung, zu verwenden.

Die ideale Form der organischen Düngung ist diejenige, die eine natürliche Schichtbildung
auf dem Feld bewirkt. Dazu gehört die natürliche Trennung von Abbauvorgängen in der
obersten und Aufbauvorgängen in der darunter liegenden Bodenschicht. Halbreife, noch in der Abbauphase stehende Dünger gehören ausschließlich auf die Bodenoberfläche,
eingearbeitet darf nur vollständig reifes, also vererdetes Material werden.

Der organischen Oberflächendüngung gehört zweifellos die Zukunft!
Bis jedoch dieses neue Verfahren zum Tragen kommt, hat die Mistkompostierung noch ihre volle Berechtigung. Die Kunst des Kompostierens wird aber trotz neuer Erkenntnisse immer ein Kernstück und Prüfstein für den organischen Landbau bleiben. Die Kunst des
Kompostierens liegt im richtigen Gleichgewicht zwischen Durchlüftung und Durchfeuchtung.

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