64. Artikel Winter 1970

 

Vom Zusammenhang zwischen Pflanzenernährung und biologischer Güte

Der biologisch-organische Landbau hat es sich von vornherein zu seiner Aufgabe gemacht, Nahrungs- und Futterpflanzen zu produzieren, die ein Höchstmaß an biologischer Güte besitzen, wobei in den Anfangszeiten kaum ein klarer Blick bestand von dem was biologische Qualität eigentlich ist. Immerhin hat das instinkt-sichere Bewusstsein vom Schaden der Kunstdüngung die ersten Wege gewiesen. Mit dem Verzicht auf Kunstdünger und Gift, die ersetzt werden durch eine besondere pflegliche Behandlung des Mutterbodens und der organischen Dünger, gelang es, den Nahrungs- und Futterpflanzen eine bedeutend höhere biologische Güte zu verschaffen. Es verbesserte sich auch der Garezustand des Bodens, es erhöhte sich die Widerstandskraft der Kulturen und das Nutzvieh wurde gesund und leistungsfähiger. Man war also ohne jeden Zweifel auf dem richtigen Weg.

Die biologische Grundlagenforschung hat nun in den folgenden Jahrzehnten Einblicke erarbeitet, die Zusammenhänge zwischen Mutterboden und Pflanzenernährung, zwischen Ernährung, Wachstum und biologischer Qualität. Es erhebt sich die Frage warum ist bei den organisch-biologischen Erzeugnissen die biologische Güte besser als bei den Kunstprodukten der Agrikulturchemie?

Die biologische Güte eines Lebewesens ist abhängig von der Vererbung und von der Umwelt. Gesund ist ein jedes Lebewesen, ob Mensch, Tier, Pflanze, Mikrobe oder Muttererde durch Vererbung und Umwelt vermittelt.

Um die biologische Güte der Nahrungs- und Futterpflanzen zu erhöhen, müssen wir dafür sorgen, dass den wachsenden Kulturen diejenige Auswahl an lebenden Substanzen zur Verfügung steht mit deren Hilfe dies möglich ist. Das kann nur geschehen, wenn wir dafür sorgen, dass die Muttererde imstande ist, eine solche reiche Auswahl an lebenden Substanzen zu liefern. Die Muttererde ist dazu nur imstande, wenn ihre Lebensvorgänge geregelt ablaufen, trotz aller ihrer Vielfalt.

Das sichtbare Leben, das was wir als „lebendig“ erkennen und beobachten können, wird nicht durch die lebenden Substanzen, also durch die „Ursubstanz“ des Lebens dargestellt, sondern durch ihre Stoffbildungen. Der für uns sichtbare Lebensstoff ist das Eiweiß, genauer die unendlich vielen Arten von Eiweißen, die die Natur hervorbringt.

Das zentrale Atom im Eiweiß ist der Stickstoff, d.h. das Atom Stickstoff: um das Atom Stickstoff herum bauen die lebenden Substanzen das Eiweiß auf; und erst durch die Eiweißbildung wird es möglich Gewebe und ganze Organismen aufzubauen. Das Atom Stickstoff ist also der Stoff um den sich hier alles dreht.

Der meiste Stickstoff befindet sich als Gas in der Luft zu 2/3. Ein Teil davon ist aber in allem Lebendigen vorhanden, gebunden als Eiweiß im Kreislauf des Lebens, in Lebewesen, in Nahrung, in Abfällen, in der Muttererde. Ein kleinerer Teil dieses Teils wird aber auch ausgetauscht gegen Stickstoff aus der Atmosphäre. In der Luft in großen Höhen unter der Wirkung der kosmischen Bestrahlung entstehen besondere Sorten von Stickstoff, die für die Lebensvorgänge wichtig sind, weil sie eine höhere „Energie“ enthalten als der „gewöhnliche“ Stickstoff.

Dieser Abtausch ist ebenso streng geregelt wie der ganze Kreislauf des Stickstoffs im Lebendigen. So wird immer nur soviel Stickstoff bereit gehalten wie für den geregelten Ablauf aller Lebensvorgänge nötig ist, kein Gramm mehr und kein Gramm weniger.

Es wird auf diese Weise erreicht, dass die Eiweißbildung nicht nur mengenmäßig in den gesteckten Grenzen bleibt, sondern auch gütemäßig. Es wird dafür gesorgt, dass nicht schrankenlos große Mengen einzelner Eiweiße gebildet werden, sondern dass auch die selteneren Eiweißbildner zu Wort kommen – und das sind gerade die wichtigeren. Wo „Masse“ produziert wird, geht das immer auf Kosten der Güte und der Vielfalt. Mit Massen von Eiweiß können wohl „Massen“ von lebendigen Zellen und Geweben aufgebaut werden, nicht aber „biologische Qualität“.

Biologische Qualität als Ausdruck idealer Vollkommenheit und Gesundheit, idealer Leistungs- und Abwehrfähigkeit eines Organismus kann nur dann entstehen, wenn der Stickstoffkreislauf „in Ordnung“ ist, wenn die vorgeschriebene Zuteilung von Stickstoff und damit von Eiweißbildung in naturgegebenen Bahnen läuft.

Der Kardinalfehler der Kunstdüngung tritt damit ans Licht. Das Kernstück der Kunstdüngung ist unbestreitbar die Düngung mit Stickstoffsalzen, die man aus dem unerschöpflichen Vorrat der Luft künstlich herstellt.

Wer künstlich Stickstoff einschmuggelt in den natürlichen Stickstoffkreislauf, vermindert Schritt für Schritt die Fähigkeit des Mutterbodens biologische Qualität zu bilden und an das oberirdische Leben, zunächst an die wachsende Pflanze weiterzureichen. Boden und Pflanze werden gezwungen diesem zusätzlichen eingeschmuggelten Stickstoff alsbald zu verbauen, die Eiweißgrundstoffbildungen zu vereinfachen, indem vorwiegend die offenbar leichter herzustellenden Eiweißbildungen bevorzugt werden. Es bildet sich „Masse“ auf Kosten der „Güte“, Vereinfachung tritt an die Stelle von Vielfalt. Was das für die biologische Qualität bedeutet, kann man sich vorstellen.

Mit der Harmonie der Lebensstoffbildungen im Boden aber steht und fällt alle Gesundheit des Lebendigen auf der Erde von der Pflanze bis zum Menschen. Es gibt da also nichts zu diskutieren. Wer als Bauer biologische Güte schaffen will, wer seinen Mitmenschen hochwertige gesunde Nahrung liefern will, der muss nicht nur auf die Gifte im Landbau verzichten und seine Muttererde pfleglich behandeln, der muss zu allererst auf die Treibdüngung mit künstlichem Stickstoff verzichten. Es gibt da keinen Kompromiss und nichts zu diskutieren. Es gibt nur ein Entweder-Oder.

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