26. Artikel Sommer 1960

„Übertragung von Erbsubstanzen?“

Erbsubstanzen sind die wertvollsten lebendigen Substanzen aller Zellen und Gewebe, aus denen Organismen bestehen. Die Erbsubstanzen bestimmen, was eine Zelle tun kann, wo sie hingehört, wie sie aussieht, und aus Erbsubstanzen allein bauen sich ganze Organismen auf, auch der Mensch.
Es sind die „Zentralen“, von denen aus alle Lebensvorgänge gelenkt werden. Sie sind zB verantwortlich dafür, ob aus einer kleinen Ei-Zelle ein ganzer Mensch wird, oder ob eine Drüsenzelle richtig arbeitet, eine Nervenzelle in Ordnung ist, eine Pflanze richtig wächst, und sie sind verantwortlich dafür, dass sich die Lebewesen auch fortpflanzen können. Mit einem Wort gesagt: Die Erbsubstanzen oder „Erbmassen“ bewirken alles, was man „lebendig“ nennt, sie sind die wahren Träger des Lebens, die Verwirklichung des Geistigen im Materiellen.
Bekanntlich baut sich unsere ganze landwirtschaftliche und wissenschaftliche Arbeit auf dem Gedanken auf, dass alle lebenden Substanzen von der Natur in möglichst voller Tüchtigkeit erhalten bleiben, wenn irgendwelche Lebewesen sterben, ganz gleich, ob es sich dabei um Mikroben/Bakterien oder um Pflanzen, Tiere und Menschen handelt. Ja sogar dann, wenn in einem Organismus während seines Lebens Zellen sterben, was fortlaufend der Fall ist, dann bleibt – so setzen wir voraus – die lebende Zellsubstanz erhalten und kann wieder zu Neubauten von Zellen Verwendung finden.
Für die „Erhaltung der lebendigen Substanz“ haben wir in wissenschaftlicher Arbeit viele Beweise gefunden. Für die Frage, ob diese erhalten gebliebene Substanz auch wieder verwendet werden kann, dient als Beweis einstweilen die Tatsache, dass man in lebender Substanz die Organismen gesund machen kann – oder auch krank, je nachdem, wie sie beschaffen ist. Das hat sich in der Heilkunde bewiesen, und das hat sich im biologischen Landbau ebenso bewiesen:

Wenn die Gesundheit Schaden gelitten hat durch falsche Ernährung von Mensch, Tier, Pflanze und Boden, kann man durch die Pflege der lebenden Substanzen alle diese „Organismen“, auch den Mutterboden, gesund machen.
Damit haben wir an sich einen Beweis, einen für uns vollständig ausreichenden Beweis für den „Kreislauf der lebendigen Substanz“. Und damit haben wir also etwas ganz Neues, etwas, das uns die Wunderwirkungen der biologischen Heilkunde und Landwirtschaft erst erklärlich macht.
Und so kommt es, dass der Mutterboden wieder mehr Wasser aufnehmen kann, dass er unempfindlicher wird gegen Trockenheiten, widerstandsfähiger gegen Verschlemmung und Frost, dass die Saat besser aufgeht und besser überwintert, dass die Schädlinge seltener werden und die Viruskrankheiten verschwinden, die Haltbarkeit größer wird und die Bekömmlichkeit besser.
Und so kommt es letzten Endes, dass das Vieh gesünder wird, dass es mehr leistet, dass es fruchtbarer wird und dass viele schlimme Probleme, die der Viehstall bringt, besser und leichter zu lösen sind als vordem. Und wir Menschen haben den Nutzen davon.
Prof. Andre Voisin –Paris fordert: Es gibt nur einen einzigen wirklichen Beweis für die Güte eines Bodens: die Pflanzengesundheit. Und es gibt nur einen einzigen wirklichen Beweis für die Güte einer Nahrungspflanze: Tier und Mensch und ihr Wohlergehen. So etwa sagt Voisin genau das, was wir seit langer Zeit wissen.
Der Kreislauf der lebendigen Substanz ist für uns also durchaus bewiesen; er ist eine Tatsache für uns, auf die wir unsere Arbeit aufbauen. Wir sind damit gut gefahren und haben keinen Grund, auch nur einen Augenblick daran zu zweifeln, und wir werden in Zukunft noch viel mehr als bisher unsere Arbeit danach ausrichten.
Es wird noch lange Zeit dauern, bis man den „Kreislauf lebendiger Substanzen“ als wissenschaftlich bewiesen allgemein anerkennt. Das ist nicht einmal so falsch, wie es für den Außenstehenden scheinen mag. Die Naturgesetze müssen von allen Seiten her bewiesen werden, ehe man sie als wissenschaftlich bewiesen anerkennen kann. Und es ist auch kein Nachteil, wenn man uns auf diese Weise zwingt, sehr genau und sehr exakt zu arbeiten, um weitere Beweise für die Wahrheit herbeizuschaffen. Wir wollen das auch tun.
Man kann also umso mehr verstehen, weil ja unsere Theorie ziemlich alles umwirft, was man bisher als wahr anerkannt hat. Ein Beispiel für alle: Man nahm an, dass Pflanzen nur anorganische, salzförmige Nährstoffe in sich aufnehmen, und dass der Boden solche also enthalten müsse; auch die Düngung bestünde dann aus solchen Stickstoffsalzen, Kalisalzen, Phosphorsäuresalzen usw, und es hätte keinen Sinn, der Pflanze zur Düngung etwas anderes anzubieten als eben solche Stoffe, wie sie die Agrikulturchemie benutzt. Und nun kommen wir und erklären, dass die Pflanze so ziemlich alles aufnehmen kann, was im Boden vorkommt, vor allem auch die lebenden Substanzen, die teilweise ja auch Erbsubstanzen sind.
Das stellt die Düngerlehre auf den Kopf. Und trotzdem haben wir recht. Denn tatsächlich verschaffen wir unseren Pflanzen eine bessere, eine vollständigere, natürlichere Ernährung als die Agrikulturchemie, wie könnten sie sonst besser und gesünder sein? Und unser ganzes Geheimnis ist ja nur dies: Wir bieten der Pflanze einen lebendigen Boden, der ihr alle Substanzen, auch die lebenden, verschafft; wir geben der Pflanze möglichst überhaupt keine „löslichen“ Nährstoffe, sondern ernähren den Boden so, wie es die Natur macht. Wir ernähren eben überhaupt möglichst nur den Mutterboden, nicht die Pflanze, weil nur das Leben des Mutterbodens eine gesunde Pflanze garantiert. Wir machen es also nur genau so, wie es die Natur macht, wir bemühen uns nur, sie sorgfältig und gewissenhaft nachzuahmen. Das ist unser ganzes Geheimnis.
Umso mehr aber freuen wir uns, wenn uns von anderer Seite her eine große, eine geradezu göttliche Hilfe kommt: Die Amerikaner Beadle, Tatum und Lederberg haben bewiesen, dass die Übertragung von Erbsubstanz von Zelle zu Zelle möglich ist! Sie haben in einem sehr umständlichen, lange dauernden und auch teuren Versuch bewiesen, dass man die Übertragung von Erbsubstanzen bei Bakterien direkt nachweisen kann: Bakterien können aus der Substanz anderer Bakterien lebende Erbsubstanzen in sich aufnehmen und damit Eigenschaften erwerben, die sie selbst vorher nicht hatten, die aber die gestorbenen Bakterien hatten, von denen die verzehrte Substanz stammt.
Genau das haben wir seit langer Zeit behauptet, und es war die Grundlage unserer Arbeit.
Uns genügt es, wenn die Wissenschaft hinterher kommt (wie sie es ja meist tut!), wenn wir nur inzwischen schon verstehen, unsere Geschöpfe auf dem Acker, im Stall und im Haus gesund zu machen und erbgesund zu erhalten.
Aber wir würden uns unsere Arbeit schon sehr erleichtern, und unsere Arbeit würde umso eher denjenigen zugute kommen, für die wir sie tun, nämlich allen Menschen, wenn der wissenschaftliche Beweis in allen Formen und in jeder Richtung nicht allzulange auf sich warten ließe. Dann würden uns auch die „Anderen“ endlich ernst nehmen müssen, wie es unsere Sache verdient. Und die Früchte unserer Arbeit würden dann nicht nur wenigen zugute kommen, sondern der ganzen Menschheit.
Dann wäre nämlich das dringendste Problem gelöst, das auf der Menschheit lastet: Das Problem der Entartung des Menschengeschlechtes durch die Zivilisation, das Problem der Grundgesundheit, die allenthalben Stück für Stück untergraben wird, weil wir von der „biologischen Wertigkeit“ bisher nichts, aber auch gar nichts verstanden haben.

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