28. Artikel Winter 1960, Frühjahr und Sommer 61

„Der Stand unseres Wissens über die Ernährung der Pflanze im Blick auf ihren gesundheitlichen Wert als Nahrung für Tier und Mensch“

Die Entwicklung der Wissenschaft in den letzten 100 Jahren Der menschliche Geist ist in den letzten hundert Jahren andere Wege gegangen als jemals früher in der Geschichte der Menschheit. Der Unterschied im wissenschaftlichen und praktischen Denken von einst und jetzt ist so entscheidend wichtig, dass man anders die gegenwärtige Zeit in ihrem Ringen um die menschlichen Probleme nicht verstehen kann. Wer die Wahrheit sucht, muss denken können.
Denken aber heißt, sich über die Vielfalt des alltäglichen erheben und nach dem Gemeinsamen der natürlichen Vielfalt suchen, nach dem, „was die Welt im Innersten zusammenhält“ (Goethe).
Grundsätzlich kann man zweierlei Wege gehen, um die Wahrheiten zu erforschen und Naturgesetze aufzudecken: Man kann die Dinge zerlegen in ihre Einzelteile, um sie einzeln zu erkennen, in Gedanken wieder zusammenzufügen und sich ein Bild vom Ganzen zu machen; man kann umgekehrt versuchen, in Gedanken das Ganze und seine Grundgesetze zu erkennen, um von hier aus, gewissermaßen von oben herab, das Geschehen im einzelnen zu erklären und zu deuten.
Der Mensch und seine Wissenschaften sind seit jeher beide Wege gegangen. Man hat immer versucht, tiefer ins einzelne zu dringen, um das Ganze erkennen zu können, und man hat immer auch versucht, vom Ganzen aus dieses einzelne zu deuten und einzuordnen. Beides ist echte Wissenschaft, denn beides dient gleichermaßen der Naturerkenntnis, es ergänzt sich; wo die eine Denkmethode versagt, da vermag die andere weiterzuhelfen. Und beides zusammen ist erst exakt, zuverlässig und wohlfundiert.
Man hat sich heute angewöhnt, die eine Methode, nämlich die, welche zerlegt um zu forschen, die analytische (auflösende) Methode zu nennen, ihr Denken das kausal-analytische Denken. Und zur Zeit behaupten ihre typischen Vertreter, sie allein betrieben exakte Naturwissenschaft. Das Gegenteil, nämlich das synthetische und biologische Denken, welches vom Ganzen ausgeht, um das einzelne zu deuten, wird in den Bereich der Philosophie verwiesen und gilt fast allgemein als unwissenschaftlich. Wie ist es dazu gekommen? Die Erfindungen des 19. Jahrhunderts haben etwas grundsätzlich Neues gebracht: Der forschende Blick in das einzelne, in die Einzelteile ist plötzlich ungeheuer geschärft worden. Man hat das Mikroskop erfunden und es bis zum Elektronenmikroskop entwickelt, das Vergrößerungen bis zum 500 000-fachen und mehr erlaubt. Man hat die Röntgenstrahlen entdeckt, die das Unsichtbare sichtbar machen können. Man hat die chemische Analyse entwickelt und damit der analytischen Forschung ein weiteres Feld eröffnet, und die Physik begab sich erfolgreich ins Gebiet des Allerkleinsten, um die wirkenden Kräfte zu erkennen.
Diese Fortschritte haben unser gegenwärtiges Leben gestaltet. Man hat Einblicke in das einzelne bekommen, von denen man sich vor 200 Jahren noch nichts hat träumen lassen, und man hat dieses ganz neue, unerhört umfangreiche Wissen vom einzelnen gebrauchen können, um eine Zivilisation zu schaffen, wie sie vorher nicht denkbar war.
Diese Fortschritte haben unser gegenwärtiges Leben gestaltet. Man hat Einblicke in das einzelne bekommen, von denen man sich vor 200 Jahren noch nichts hat träumen lassen, und man hat dieses ganz neue, unerhört umfangreiche Wissen vom einzelnen gebrauchen können, um eine Zivilisation zu schaffen, wie sie vorher nicht denkbar war.
Es darf uns nicht wundern, wenn darüber der Blick auf das Ganze verloren gegangen ist. Die Gefahr ist zu groß, als dass man ihr hätte entgehen können. Die neuen Forschungsmethoden haben so viel Neues gebracht, dass man zunächst alle Hände voll zu tun hatte. Die einzelnen Wissensgebiete haben sich so erweitert, dass es unmöglich geworden ist, alles zu wissen: Der Spezialist wurde geboren und übernahm die Herrschaft, der Universalist wurde verdrängt; es gibt heute niemanden mehr, der behaupten könnte, er wisse alles.
Das ist aber nötig, wenn man die Natur im Ganzen deuten will.
Die biologischen Zusammenhänge zwischen allem Lebendigen, vom Mutterboden bis zum Menschen hin, klarzumachen und alles menschliche Tun in diesen großen Rahmen zu stellen, dazu bedarf es der Ganzheitsschau und der Ganzheitsforschung.
Die Nahrungspflanze ist, was ihren gesundheitlichen Wert betrifft, nur vollkommen, wenn sie Gesundheit vermittelt und gesund erhält. Gesund ist nur das, was erbgesund ist und imstande anderen Lebewesen Gesundheit zu schenken. Dafür aber gibt es keine analytischen Teste, sondern nur einen einzigen gültigen Test, die reale Wirklichkeit.
Das heute in der Wissenschaft herrschende Spezialistentum steht einer echten Ganzheitsschau im Weg. Der Spezialist darf dabei nur Hilfsperson sein, der mit seiner Erkenntnis (er nennt das gesichertes Wissen) imstande ist, ein Steinchen in das Mosaik des Ganzen zu stellen, aber nicht verlangt, von seiner Erkenntnis Schlüsse über das Ganze zu ziehen, dem falsche Maßnahmen folgen müssen. Er kann nicht mehr sein als Teil des Ganzen.
Es ist eine Kette: Mensch – Tier – Pflanze – Mikrobien – Mutterboden – Agrikultur. Alle ihre Glieder müssen im Suchen nach der Wahrheit einbezogen werden, wenn wir über die menschliche Ernährung forschen, die ja die menschliche Gesundheit großteils erbringen soll. Was ist menschliche Gesundheit: mit den eigenen geistig-seelischen, wie körperlichen Kräften, „den Kampf ums Dasein“ bestehen, ohne wesentliche fremde Hilfe, ohne künstlichen Schutz.
Es genügt nicht, wenn, wie es der heutigen Meinung entspricht, die Nahrung aus gewissen Kern- und Ergänzungsstoffen (Eiweiß, Kohlehydraten, Fetten, Mineralien, Vitaminen, Enzymen, Hormonen und Spurenelemente) besteht, nachdem nachgewiesenermaßen insbesondere die Angehörigen der Industrienationen, denen all diese Nahrungsstoffe reichlich zur Verfügung stehen, keineswegs gesund sind; im Gegenteil, immer mehr und häufiger mit Krankheiten aller Art behaftet sind.
Die neuesten Forschungen jedoch betreffen die lebendige Substanz, dh die lebende Zellsubstanz und die Erbsubstanz, die durch die Nahrung Eingang finden in die Zellen des Organismus. Diese Nachweise sind heute so viele, dass wir sie hier nicht mehr aufzählen können.
Sie wandern aus dem Dünger auf den Mutterboden, aus dem Mutterboden in die Pflanze und aus den Pflanzen in die tierischen Organismen und übertragen damit Gesundheit oder Krankheit. So haben wir erwiesen, dass man mit den schweren Problemen im Landbau erst fertig wird, wenn man sich von den Nährstoff-Vorstellungen der Chemiker freimacht und alle seine Kultur-Handlungen unter die Direktion der lebendigen Substanz stellt.
Es kommt weiters auch viel weniger darauf an, wie eine Ernährung gehandhabt und zusammengestellt wird, es kommt vielmehr darauf an, wo die Nahrung gewachsen und geworden ist.
Sie kann echte Gesundheit nur vermittelt, wenn sie aus gesunden Lebensvorgängen und gesunden Organismen kommt.
Wenn wir dies erfüllen, können wir den hohen Forderungen gerecht werden, die die Menschheit an ihren Landbau stellen darf.
„Du musst mir nicht nur Nährstoffe liefern, sondern vollkommene Nahrung“, in diesen Worten ist alles enthalten, was für den zukünftigen Landbau maßgebend ist.
Wir haben uns seit 12 Jahren konsequent bemüht, eine Heilkunde, eine Ernährungslehre und eine Düngelehre zu entwickeln, die sich ganz bewusst der lebenden Substanzen bedient und jede Handlung unter ihre Direktion stellt. Wenn die lebenden Substanzen mit zu einer vollkommenen Nahrung gehören, dann ist die vollkommene Nahrung nicht nur eine Summe von Nährstoffen chemischer Natur, sondern eine lebendige Einheit, die sich bisher nur als Ganzes betrachten lässt, weil die chemische Struktur lebender Substanzen noch ein Buch mit sieben Siegeln ist.
Die synthetischen Dünger, Mineralsalze N Ca K P Mg, Spurenstoffe stellen eine nicht organische Pflanzennahrung dar und verursachen den Abbau der Bodenstruktur, Verlust der Fortpflanzungsfähigkeit, und Verlust der Widerstandskraft gegen Krankheiten und Schädlinge. Die Dosierung dieser Düngesalze stößt auf Schwierigkeiten und verursacht Schädigungen im Bodenleben, da jede Dosierung problematisch ist, weil nicht genau den Bedürfnissen entsprechend errechenbar.
Im Reich des lebendigen gibt es überhaupt nur Dinge, die alles miteinander zu tun haben, dieses Reich ist ein unteilbares Ganzes und wer den Boden verdirbt, der verdirbt die Pflanzen, die Tiere und sich selbst. Das ist keine Philosophie, sondern die einzig mögliche Schlussfolgerung aus allen bisher bekannten biologischen Tatsachen.
Der Schöpfer der Natur selbst hat dafür gesorgt, dass sich kein Lebewesen auf der Erde zum Diktator des anderen machen kann. Auch der Mensch kann bei all seinem technischen Können, nur leben und erbgesund bleiben, wenn die ganze übrige Natur, die ihm das Leben immer wieder erneuert, lebt und gesund ist. Dafür sorgt – und das ist das entscheidende – der Kreislauf der lebenden Substanzen.
Wer den Mutterboden krank macht, bekommt auf die Dauer nur noch kranke Kulturpflanzen und wer von kranken Kulturpflanzen lebt, wird auf die Dauer genauso krank wie sie. Die ganze Zukunft der Menschheit hängt also – mehr als von allem anderen – von der Ernährung ab.
Auch der Pflanze wird Gesundheit über ihre Nahrung vermittelt und letzten Endes ist also die Frage nach dem biologischen Wert einer Nahrung eine Frage nach der Ernährung der Pflanze und nichts anderes. Und damit konzentriert sich die Frage auf den Mutterboden.

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