7. Artikel, Winter 1954 und Frühjahr 1955

„Theorie und Praxis der Kompostbereitung im biologischen Landbau“ 

Düngung und Kompostwirtschaft war in früheren Zeiten unbekannt solange genügend
jungfräuliches Land vorhanden war. Als dieses aber anfing Mangelware zu werden, fing der
Bauer an, Abfallstoffe zu verwerten und entdeckte dass der Boden lebendige Eigenschaften
hat, die erhalten werden müssen, wenn er fruchtbar bleiben soll. Der deutsche Arzt Dr.
Albrecht Thaer begründete in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Humuslehre und mit ihr die Landwirtschaftswissenschaft. Er wies nach, dass man den Humus der Kulturflächen erhalten kann, wenn man organische Abfallstoffe (Mist, Gülle, Jauche, Stroh,
Pflanzenabfälle) auf das Land bringt und begründete weiters die Kleewirtschaft.

In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts begründete Liebig die Mineraldüngung aus der
Erkenntnis heraus, dass die Pflanze aus den gleichen Mineralien besteht, die man im Boden findet und dass die Salzformen von Mineralien von der Pflanze gerne aufgenommen werden, dass man Mineralmangel durch Gaben von Mineraldüngern zu beheben sei. Aus diesen Erkenntnissen Liebigs formten seine Zeitgenossen und Nachfolger den Grundsatz, dass die löslichen Mineralsalze die einzige Nahrung seien, die die Pflanze aufnehmen könne. Dieser Grundsatz wurde zum Freipass für jedwede Kunstdüngung in deren Gefolge die Humusdecke verschwindet, die Pflanze wird unfruchtbar, krank und anfällig.

Diese Entwicklung führte in die Richtung des biologischen Landbaues der seine Methode
nach den Gesetzen des Lebendigen richtet. Die Pflanze braucht zum Wachstum nicht nur
Mineralsubstanz, schon gar nicht tote aus dem Kunstdüngersack, sondern auch lebendige
Substanz, organische Masse; der Boden braucht das Gleiche. Da die Lebensprozesse des
Bodens den gleichen Gesetzen unterliegen, denen auch die Pflanze unterliegt. Diese
Mineralsubstanz und lebende Substanz stammt aus den Lebenskreisläufen vornehmlich aus den Abfällen der höheren Organismen und wird gewonnen durch die Kompostierung.
Kompost ist somit der vollkommene Düngestoff. Er ist imstande die durch die Kultur
entstandenen Mängel auszugleichen, sowohl biologisch als mineralisch. Er ist weiter
imstande während seines Reifungsprozesses einen Gesundungsprozess zu entwickeln der
das krankhafte zum Verschwinden bringt.

Dr. Rudolf Steiner entwickelte die biologisch-dynamischen Kompostpräparate, die in
homöopathischen Dosen gegeben im Kompost die Lebenskräfte und damit seine
Wirksamkeit noch steigern, was sich auf Boden und Produkt überträgt. Auch andere Zusätze erhöhen die Düngekraft des Kompostes, vor allem Urgesteinsmehl oder diverse
Bakterienpräparate. Die Komposte sind bei Luftzutritt abzudecken und feucht zu halten. Bis hierher ist vom Haufenkompost die Rede.

Die Natur kompostiert jedoch flächig, wie das Herbstgeschehen (Laubfall) zeigt; die oben
liegende Frischmasse wird von Bodentieren und Mikroben zerkleinert und verarbeitet, sinkt ab und wird von neuer Frischmasse bedeckt und wandelt sich durch Bakterientätigkeit zu Humus. Dieser Vorgang gibt den Anstoß auch im Landbau flächig zu kompostieren in Form von Mulchdecken, Zwischensaaten, Gründüngungen, Mistschleiern, Bodendecken aus halb verrottetem Material, aufgegrubberten Stoppel- und Wurzeldecken mit Urgesteinsmehl bestreut.
Dem Haufen wird anvertraut, was jahreszeitlich und bedarfsmäßig flächig nicht verwertet
werden kann. Das anfallende Material soll nicht längere Zeit unkontrolliert lagern, sondern
möglichst bald (Stallmist) der Verrottung zugeführt werden, um unkontrollierte
Abbauvorgänge zu verhindern.

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