86. Artikel Sommer 1976

„Biologisches Gleichgewicht im Boden“

Das Maß der Dauerfruchtbarkeit eines Mutterbodens bei natürlicher Düngung, dh. alle nährenden Substanzen stammen aus organischen Abfällen, hängt von der Fähigkeit des Bodens ab, einerseits fortlaufend Substanzen an die Pflanze abzugeben wenn sie wächst, andererseits vom biologischen Substanzkreislauf soviel zu behalten, dass eine beständige Gare aufrechterhalten wird. Zwischen beiden besteht zweifellos ein biologisches Gleichgewicht, das nicht nur für jede Bodenart spezifisch ist, sondern auch im Laufe der Jahreszeiten differiert, weil das Mengenverhältnis zwischen Pflanzenwachstum (Nahrungsentnahme) und Humifizierung (Nahrungsbeschaffung) nicht konstant ist, sondern abhängig auch von den allgemeinen Wachstumsbedingungen vor allem von Wärme- und Wasserzufuhr. Je mehr der Boden im Stande ist freie Ionenschwärme und das für die Bindungen nötige Wasser zu speichern, desto größer ist seine Fähigkeit die gleitenden biologischen Fließgewichte aufrechtzuerhalten.

Füttert man den Boden zusätzlich mit verfügbar gemachten Mineralien und mit synthetischen Stickstoffverbindungen, so wird das Gleichgewicht zwischen der Beschaffung von Bodennahrung zur Vorratshaltung und der Entnahme durch die Pflanze gewaltsam beseitigt, weil die Lebensvorgänge durch die nicht vorgesehene Zufuhr stoffwechselaktiver Materie angefacht werden. Das geschieht besonders durch Stickstoffgaben zur Unzeit, vor allem im frühen Frühjahr, wenn die Bodenwärme für eine natürliche Stickstoffbindung noch nicht ausreicht (erst ab 15°). Es wird zwar die Kunstdüngerwirkung hier sehr gepriesen, ist aber hier zweifellos am schädlichsten.

  1. Durch die Anfachung des Stoffumsatzes wird die Huminbildung und die Inkohlung organischen Materials enorm und zur Unzeit gefördert. Da Humine sauren Charakter haben, wird der Boden aus dem elektrolytischen Gleichgewicht gebracht und saurer gemacht. Der Kunstdünger bringt außerdem anorganische Säureradikale mit, wodurch die Festlegung des Kalzium und die Besetzung der Tonkristalle vermehrt und die Garebildung behindert wird, dadurch wird auch das Gleichgewicht beeinträchtigt bis beseitigt.
  2. Es bildet sich eine krankhafte Variation der Mikroflora aus, weil die Mikrobien anders ernährt werden als vorgesehen, denn sie erhalten ja nun einige wenige Baustoffarten im Überfluss und nicht die wohl ausgewählte Nahrung, die ihnen der Abbau organischer Strukturen bietet. Die Variation der Flora bedeutet immer auch, dass die Nahrungsqualität krankhaft verändert wird.
  3. Die Ionenschwärme und freien Ionen werden so vermehrt, dass das Gleichgewicht zwischen makro- und mikromolekularen Nahrungssubstanzen beseitigt wird. Die Pflanze nimmt mehr stoffwechselaktives Material auf, als sie soll. Zwangsläufig führt die Anhäufung von Ionen im Saftkreislauf der Pflanze stoßweise zu einem „Wachstumsfieber“, das nicht nur den biologischen Charakter des Pflanzengewebebaues verändert die quantitativen Umsätze zu ungunsten der qualitativen gewaltsam erhöht, sondern die Feinabstufungen der Substanzauswahlen nivelliert und uniformiert.

Es ist offenbar unmöglich, künstlich zu düngen, ohne die Gare zu gefährden, weil die Ausbildung einer natürlichen Gare mit einer höchst vielfältigen Abstufung und Auswahl der biologischen Potenzen lebender Substanzen unmöglich gemacht wird.

Es ist offenbar unmöglich, die natürliche Pflanzenernährung durch verfügbar gemachte Mineral- und Stickstoffsubstanzen zu ergänzen, weil es hier nichts zu ergänzen gibt. Von Natur aus ist die Ernährung der Pflanze aus denjenigen Stoffen und biologischen Kapazitäten vorgesehen, die aus den Abfällen des Lebendigen stammen und im Organismus „Mutterboden“ vorgeordnet angeboten werden. Jede Einmischung in diese Vorgänge ist zwangsweise mit der Beseitigung aller jener Gleichgewichte verbunden, die für das organismische Leben Voraussetzung sind. Es kann also nur erlaubt sein, die Bodenvorräte durch nicht aufgeschlossene, nicht unmittelbar stoffwechselaktive Mineralien (Urgesteinsmehl) zu ergänzen. Diese werden vom Bodenstoffwechsel nur mobilisiert, wenn sie gebraucht werden. Die Aufnahme von synthetischem Stickstoff in den biologischen Kreislauf ist nicht vorgesehen, er erscheint als Fremdstoff, der die normale N-Beschaffung (aus organischen Rückständen und Assimilation aus der Luft) irritiert.

Schon der ältere Liebig gab an: die Pflanze könne von der Natur „hundert ja tausendmal mehr Stickstoff“ erhalten, als man ihr künstlich geben könne. Er warnte eindringlich davor, sich in den biologischen Substanzkreislauf durch Kunstdünger einzumischen. Diese Angaben wurden bei ihrem Erscheinen nicht mehr gehört und auch die gegenwärtige Neuausgabe unter dem Titel „Es ist dies die Spitze meines Lebens“ 1973 durch Wolfgang v. Haller wurde mehr oder weniger vom Tisch gewischt.

Normalerweise findet die Pflanze überhaupt in den Stoffausrüstungen organischer Abfälle aller das was sie braucht, denn das Material stammt aus Lebensprozessen und ist deshalb für Lebensprozesse geeignet.

Generell aber lässt sich sagen, dass alles das für die richtige Bodenernährung geeignet ist, was aus dem Substanzkreislauf selbst stammt, was pflanzliche, tierische und mikrobielle Systeme an Substanz besitzen. Organische Dünger werden umso wertvoller sein, je „lebendiger“ sie sind, dh. je unmittelbarer ein Lebensvorgang in den anderen übergeht.

Ein optimales Leben – ein Leben in Gesundheit und Fruchtbarkeit ist nur möglich in der lebendigen Gemeinschaft der Organismen. Und zu dieser Gemeinschaft gehört auch der Organismus „Boden Gare“, dessen Leben mit der Verbindung zum oberirdischen Leben steht und fällt.

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