106., 107., 108. Artikel Frühjahr Sommer Herbst 1984 – „Ehrfurcht vor dem Leben“

Dass wir uns mit der einseitig technisch-materialistischen Entwicklung die Probleme selbst geschaffen haben, soll man nicht bezweifeln. Als die moderne Geburtshilfe, Kinderheilkunde, Seuchenhygiene, Chirurgie und allgemeine Fürsorge geschaffen wurden, wuchs die Menschheit rapid an. Die natürliche Auslese, die nur die Besten zu Leben und Fortpflanzung zulässt, wurde abgeschafft. Die Masse „Mensch“, die entstand, fordert Nahrung, Wohnung und Organisation, Massenerzeugung von Nahrung und technisierte Anstrenung ungewöhnlichen, nie dagewesenen Ausmaßes. Das sind die Probleme, und sie sind nicht wegzudiskutieren. Man muss mit ihnen rechnen, will man nicht die schönste und reinste Frucht menschlichen Geistes, die Humanität, über Bord werfen.

Es stellt sich die Frage: sind alle die meist selbstgeschaffenen zum Teil unsagbaren Probleme heilbar? Ist es möglich, die heutigen Übel nicht nur mit Korrekturen zu Fall zu bringen? Es wäre möglich, wenn wir nicht mit Korrekturen allein zu Werk gingen, sondern in Harmonie mit allem Lebendigen. Unser Wissen ist Ganzheit gegenüber der leblosen Materie, unser Wissen ist Stückwerk gegenüber der lebendigen Materie, hier werden Fehler über Fehler gemacht.

Was wir heute erleben, ist ein Übergang in eine andere Zeit mit allen Geburtswehen, Wirrnissen und Unklarkeiten, wie sie stets eine solche Zeit kennzeichnen. Es wird ein Haus geflickt mit Rissen, das an sich ein neues Fundament bräuchte.

Die Wissenschaft muss versagen, wenn sie die Regeln und Gesetze des Anorganischen, des Leblosen, auf das Lebendige anwendet. Die lebendigen Vorgänge sind nicht mit den Forschungsmitteln zu durchschauen, mit denen man das Leblose durchschaut. Die Physiker sind also imstande mit physikalischen Methoden nachzuweisen, dass das physikalisch-chemisch-mathematische Denken in der Welt des Lebendigen nicht gilt, weil dieses Denken menschliche Konstruktion ist, eine Hilfswissenschaft, deren Geltung zu versagen beginnt, weil sie nichts als vergängliche, augenblickliche Vorteile sucht, während die eigentliche Wissenschaft seit eh und je nur die Wahrheit sucht.

Und das ist nun der Aufzug eines neuen, eines anderen Zeitalters. Hier wird zum ersten Mal die chemische Bodenkontrolle unter die Direktive einer biologischen gestellt, einer Kontrolle der Lebensvorgänge des Bodens.

Es stellt sich die Frage, warum man denn überhaupt kontrollieren muss, da das natürliche Wachstum jedem künstlichen ohnehin überlegen ist? Dazu die Antwort: In einer Menschheit, die bald die 3000 Millionen Grenze überschreiten wird, gibt es eine Lebensordnung ohne wissenschaftliche Lenkung nicht. Deshalb müssen wir ja lernen, biologische Vorgänge zu kontrollieren, um sie lenken zu können. Anders werden wir niemals die chemisch-technische Epoche überwinden und darauf kommt es gegenwärtig an.

Es gilt die Prinzipien zu überwinden, auf denen unsere ganze derzeitige Lebensordnung ruht. Das kann man nicht mit Korrekturen, nicht mit dem Denken der chemisch-technischen Epoche, man kann es nur mit biologischem Denken und das ist eine neue, sehr schwere Sache. Das chemisch-technische Denken ist nicht über Bord zu werfen allein mit der Begeisterung für die gute Sache.

Die großen Entdecker des vorigen Jahrhunderts schufen die Möglichkeit die Masse der Menschen, die in früheren Zeiten Seuchen und Krankheiten unentwegt zum Opfer fielen, am Leben zu erhalten.

Die Chemotherapeutika und Antibiotika verdanken diesem Prinzip ihr Dasein ebenso wie die chemische Schädlingsbekämpfung. Beides wird als eine der höchsten Errungenschaften der Menschheit gefeiert. Trotzdem ist das Prinzip falsch, es ist unbiologisch.

Mit der Zeit bewirkt dieser allgemeine Giftkampf genau das Gegenteil dessen, was man erreichen will und beginnt es allmählich auch einzusehen. Um aber diese Maßnahmen entbehren zu können, muss man es zuerst besser machen können, und das geht nicht von heute auf morgen.

Man hat die spontane Abwehrfunktion der Organismen abgelöst, durch einen heute allenthalben wirksamen und künstlichen Schutz. Die Organismen werden beschützt, statt sich selbst zu beschützen. Man müsste um den künstlichen Schutz entbehren zu können, lernen, den natürlichen Selbstschutz willkürlich und unter lenkender Kontrolle herbeizuführen.

Nun ist es in der Biologie bekannt, dass verloren gegangene Funktionen nur in Geschlechterfolgen wirksam wiederbelebt werden können, also in sehr langen Zeiten. Wir haben uns durch augenblickliche Erfolge blenden lassen und die Zukunft darüber vergessen. Für diese Zukunft aber sind wir verantwortlich, mehr als für uns selbst.

Derzeit jedoch scheint die Menschheit wenig bereit, ihre Wege zu ändern, noch immer scheint die technische Entwicklung des Menschen wichtiger zu sein, als die biologische. Sie tut das ohne Rücksicht auf die Belange des Lebendigen, so absurd es auch klingt. Man versucht das Leben zu schützen mit Mitteln und Methoden, die gegen das Leben gerichtet sind.

Sollte die Menschheit von ihren Irrwegen nicht abzubringen sein, setzt sich auf jeden Fall die Kraft durch, die die Welt zusammenhält und sie lässt sich Zeit dazu, die sie ja auch hat, denn sie hat die Ewigkeit für sich. Wir betrachten das viel zu wenig.

Alle jene aber, die sich auf die wahren biologischen Wege begeben, oder sich auf ihnen befinden, die dem Leben des Planeten dienen, mögen nie vergessen, dass diese Wege für die Gemeinschaft der Menschen nur einen Sinn haben, wenn sie im richtigen Geist geschehen.

Das Wort „Geist“ ist sehr in Misskredit gekommen, seit man den Geist, der die Welt schuf, mit unserem menschlichen Geist zu verwechseln begann. Uns ist nicht mehr gegeben, als ein kleiner Einblick in die Dinge des Geistes. Wir haben zur Erkenntnis nichts als unsere Sinnesorgane und wenn wir sie durch Mathematik, Fernrohr und Ultramikroskop noch so sehr verlängern, sie bleiben unvollkommen. Sie vermögen das Geistige niemals exakt zu sehen und sie vermögen nur immer einen Teil des Ganzen zu sehen. Es gilt echte Erkenntnisse der tieferen Zusammenhänge im Reich des Lebendigen nicht mit Hilfe der sinnlichen Wahrnehmung allein, am wenigsten im lebendigen Experiment zu gewinnen. Wir können Überschallflugzeuge, Elektronengehirme und Raketen-Weltraumschiffe konstruieren, aber wir können nicht ein einziges Fünkchen Leben erwecken, nicht einmal eine Amöbe erfinden. Es fehlt uns das Wichtigste daran, das Leben.

Das ist eine nackte naturwissenschaftliche Tatsache und man hat sie als das oberste wichtigste Faktum zu nehmen. Bei den lebendigen Dingen können wir überhaupt nichts tun mit dem Geist der bisherigen Naturwissenschaften, wir können nur zusehen, was das Lebendige tut und was es zum Leben braucht. Diese Wissenschaft nennt man Biologie, die uns doch die Mittel gibt, mit dem Unerklärlichsten umzugehen, das wir haben, mit dem Lebendigen! Das Lebendige ist uns nicht zugänglich, ist unserem Willen nicht untertan, ist für unseren kleinen Geist nicht durchschaubar, ist unserem Verstand nicht begreifbar.

Ehrfurcht vor dem Leben: ist wohl die schwerste Aufgabe, die man Menschen stellen kann. Sie kann nur in tiefstem Ernst und mit eiserner Arbeit, ohne Hoffnung auf rasche Erfolge und ohne jeden Ansprch auf baldige Ernte erfüllt werden.

Der Welt des Lebendigen kommt man näher, wenn man Goethe liest, als wenn man die Erfolgsberichte unserer Industrielaboratorien studiert; man kommt ihr näher, wenn man alle die ehrfürchtigen Schriften aus der ganzen langen Menschheitsgeschichte studiert, die sich mit den Fragen des wahrhaft ewigen Lebens befassen. Wem das heute noch unbegreiflich ist, der taugt nicht zum biologischen Denken, weil er sich im technisch-chemischen-physikalischen Denken erschöpft hat.

Biologische Wahrheit findet man in Wirklichkeit nur dann, wenn der Geist, der über uns wohnt dabei mitwirkt.

Erfurcht vor dem Leben: die heutige Menschheit verdankt ihr Leben zum größeren Teil dem Mord am anderen Leben. Wir haben es uns einzugestehen! Die Maßlosigkeit zur zweiten Natur geworden, folgt dem technischen Wunder auf den Füßen, weil es auf den Leichen anderen Lebens entstanden ist.

Das Leben auf der Erde bildet eine unendliche Kette. Kein einziges Lebewesen ist in der Ordnung der lebendigen Schöpfung entbehrlich.

Machen wir uns dies zu Diensten, und wir werden eine bessere und glücklichere Menschheit haben als die gegenwärtige.

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.